Eigene Werke, Kurzgeschichten, Texte

„Der unzufriedene Mensch findet keinen bequemen Stuhl“ (Benjamin Franklin)

Er schob sich keuchend durch den schmalen Spalt der S-Bahntüren, die er geradeso noch aufhalten konnte. Ein junger Mann, lässig gegen die Rückenwand der ersten Stuhlreihe gelehnt, dicke Kopfhörer auf den Ohren, entschied sich gnädiger Weise zu helfen und griff mit einer Hand zu, um die automatische Tür etwas weiter aufzuziehen.

So schaffte der Brillenträger es sich und seine Aktentasche in den vollen Innenraum zu pressen. Ein dankbares Lächeln galt dem jungen Helfer, der nur mit den dürren Schultern zuckte und im Takt seiner Musik wippte.

Der Brillenträger betrachtete kurz nachdenklich seinen Bauch der sich unter dem Hemd über den engen Gürtel schob. Früher war er besser in Form und hätte die böse Bahntür selbst besiegt. Früher, vor dem Büro Job und der Ehe.

Eine Frau mit krausen Haaren und weiten Hosen blickte kritisch von Ihrem Buch auf und gab spitz zu bedenken, dass „so etwas“ die Türen beschädigen könnte.

Mit charmant-entschuldigender Miene bat der Brillenträger um Verzeihung und erklärte, dass er einen wichtigen Termin hatte sonst würde er so etwas ja auch nicht tun.

Die buschigen Augenbrauen der Kraushaarigen wurden zusammengezogen während ihre Oberlippe sich in Falten legte. Doch bevor Sie zum Gegenschlag ausholte, mischte sich der Kopfhörer-Träger ein, der seine Ohren aus Neugier von den Lederpolstern befreit hatte. Seine Musik dröhnte nun deutlich hörbar durch den Raum. „Jetzt seien sie doch nicht so kleinkariert, ist doch genug Platz hier.“ Der Brillenträger, wohl versucht die Situation zu beruhigen, hob die Hände und begann mit einem leisen „Aber“, da giftete die Kraushaarige schon zurück: „Darum geht es doch gar nicht! Wissen Sie wieviel so eine Tür kostet! Das wird dann auf die Fahrkartenpreise umgeschlagen und ich zahl sicherlich nicht dafür, dass andere nicht rechtzeitig losgehen.“ Der Kopfhörer-Träger wollte besagte Hörer schon wieder entnervt aufsetzen. Die Diskussion war ihm wohl zu anstrengend, da wandte sich ein älterer Herr zu ihm um, der auf dem Sitzplatz hinter dem jungen Mann saß und schimpfte, „Ihre Musik ist viel zu laut!“ „Ich wollte die Hörer gerade wieder aufsetzen.“, erwiderte der junge Mann. „Dann tun Sie das doch endlich!“ plärrte der ältere.

Das wiederum erachtete die Kraushaarige als grobes Einmischen. „Sehen Sie nicht, dass wir uns unterhalten?“ Ihre Stimme gewann deutlich an Höhe. Der ältere Herr erhob sich schwerfällig und musterte die Frau kritisch. „Sie sind aber auch ganz schön empfindlich.“ Bemerkte nun eine jüngere Frau mit einem Buch in der Nebenreihe.
„Mich nervt nun einmal der ganze Lärm.“ Zeterte der Alte. „Aber Sie machen doch den meisten Lärm!“ zischte die kraushaarige Frau, worauf die jüngere mit dem Buch erwiderte, dass Sie sich alle etwas beruhigen sollten und der Kopfhörer-Träger betonte, dass er die Hörer ja längst wieder aufgesetzt hätte, wenn sich nicht jeder hier einmischen würde.

„Und überhaupt hat der Herr sich doch entschuldigt!“ tönte die junge Frau über die ausbrechende Diskussion hinweg. „Ich finde nicht, dass man sich dafür entschuldigen muss!“ Erwiderte der Musikhörer, wandte sich zur Tür und wollte den dicklichen Brillenträger auffordern auch einmal etwas zu sagen. Doch das Läuten der Warnanlage war plötzlich das einzige verbleibende Geräusch, bevor die Türen hinter dem Brillenträger zufielen, der nun auf dem Gleis die frische Morgenluft einatmete.

Als die Bahn, mit vier wütenden Gesichtern darin, weiterrollte holte der Mann sein Handy aus der Manteltasche und bediente die Kurzwahltaste.

„Hallo Melanie? Ich wollte nur Bescheid geben, dass ich heute später ins Büro komme. Nein, ich habe entschieden ein Stück zu gehen.“ Er legte auf und genoss einen Moment lang den Anblick der morgendlichen Sonne, die sich über die Dächer der Stadt schob, bevor er sich einen Kaffee kaufte und die letzten drei Stationen zu Fuß beschritt, entspannt und mit sich selbst zufrieden.

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